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 Betreff des Beitrags: Freie Stadt Danzig
BeitragVerfasst: 8. Feb 2016, 21:00 
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Doktor
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Heute möchte ich gern etwas über mein Hauptsammelgebiet "Freie Stadt Danzig" schreiben. Eine ganz grobe Zusammenfassung der Geschichte vom 13. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Es ist eine unglaubliche Geschichte...wie es in der Geschichte so viele unglaubliche Geschichten gibt:

Im 12. Jahrhundert wurde der Ort, der den Namen Kdanzk trug, Sitz der der pommerellischen Herzöge. 1178 kamen die Zisterzienser in das Gebiet und gründeten das Kloster Oliva, 1227 kamen Dominikaner aus Krakau. In den folgenden Jahrzehnten entstand eine Kaufmannssiedlung, auch viele Lübecker siedelten sich hier an. 1263 wurde dem Ort durch Herzog Swantopolk das Stadtrecht verliehen und im Jahr 1308 wurden Danzig und Pommern vom Deutschen Orden eingenommen. Die Rechtsstadt erhielt 1343 vom Orden das Stadtrecht, bereits zehn Jahre vorher war sie als Civitas erwähnt worden.


Im Jahr 1361 wurde die Rechtstadt zum Mitglied der Hanse und blühte wirtschaftlich auf, was eine starke Zuwanderung zur Folge hatte, so dass die Einwohnerzahl im Laufe der Jahre auf 20.000 anstieg. Mit dem Frieden von Thorn 1466 endete die Herrschaft des Deutschen Ordens über die Stadt. Danzig wurde als Lehen an Polen abgetreten, hatte jedoch weitgehende politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomie und entwickelte sich schnell. Ende des 15. Jahrhunderts lebten bereits um die 30.000 Einwohner in der Stadt. 
König Sigismund August II. erteilte 1557 die Religionsfreiheit. Bereits 1526 hatte er Gesetzte erlassen, die die Verfassung der Stadt demokratisierten. Zwischen 1568 und 1577 kam es zu Konflikten zwischen den Bürgern der Stadt und den Königen Sigismund August und Stefan Batory, da Danzig versuchte, seine Privilegien zu bewahren. Im Jahre 1601 begann der schwedisch-polnische Krieg um die Vorherrschaft an der Ostsee. Bis 1626 war Danzig davon jedoch wenig betroffen. Dann griff jedoch Schweden Ostpommern und die Danziger Küste an und es kam zur Seeschlacht in der Polen siegte.

Im Jahr 1655 fielen die Schweden in Polen ein, wodurch auch Danzig bedroht wurde. Der Krieg endete erst 1660 mit dem Olivaer Frieden. Im Jahr 1700 kam es jedoch zum Zweiten Nordischen Krieg, welcher bis 1721 andauerte. 1733/34 belagerte das russische Heer die Stadt. Im Zuge der Zweiten Teilung Polens 1793 gelangte Danzig unter preußische Herrschaft und verlor infolgedessen seine Selbstverwaltung und bisherigen Privilegien. 1807 besetzten französische Truppen die Stadt, welche darunter vor allem finanziell stark zu leiden hatte. Während des Rückzugs Napoleons aus Moskau 1813 belagerten preußische und russische Heere die Stadt fast ein Jahr lang, bis Danzig sich 1814 ergab.

Mit dem Wiener Kongress wurde Danzig 1815 wieder dem preußischen Königreich eingegliedert. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Schiffsbau zum wichtigsten Industriezweig der Stadt, welche in den folgenden Jahrzehnten einen leichten Aufschwung erlebte. 1852 wurde die erste Eisenbahnverbindung von Danzig nach Dirschau eröffnet, 1870 die von Danzig nach Stettin. Des Weiteren entstand 1870 eine Pferdestraßenbahn. 

Im Jahr 1878 wurde Danzig zur Hauptstadt der neugegründeten Provinz Westpreußen. Viele Deutsche kamen daraufhin in die Stadt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 zählte Danzig um die 175.000 Einwohner. Mit dem Ende des Krieges wurde die Republik Polen ausgerufen und durch den Versailler Vertrag (1919) wurde Danzig im Jahre 1920 zur Freien Stadt Danzig erklärt.
1935 wurde der Danziger Volkstag aufgelöst. Mit dem Einmarsch der Deutschen Truppen in Polen am 1. September 1939 begann auch in Danzig der Zweite Weltkrieg. Die Danziger Verfassung wurde außer Kraft gesetzt.

Als numismatischen Beleg zeige ich eine meiner schönsten Danziger Silbermünzen. Ein Ort (=1/4 Taler) von 1616 unter der Regentschaft von Sigismund III. Wasa (Zygmunt III Waza 1587-1632).
Die Münze befindet sich in einem fast prägefrischen Zustand, mit einer leichten Dementierung, und ist aufgrund des Jahrgangs recht selten.

Und als zweite Silbermünze noch einen von Ort von 1658 unter Johann II. Kasimir (Jan II Kazimierz Waza 1648-1668). Auch diese in schöner Erhaltung.


Dateianhänge:
Ort 1658.jpg
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Ort 1616.jpg
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 Betreff des Beitrags: Re: Freie Stadt Danzig
BeitragVerfasst: 9. Feb 2016, 00:52 
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Wirklich Kabinettstücke! Danke für den knappen Abriß der Stadtgeschichte. Wie kommts, daß du gerade Danzig sammelst? Grüße, KarlAntonartini


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 Betreff des Beitrags: Re: Freie Stadt Danzig
BeitragVerfasst: 9. Feb 2016, 11:06 
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Ja, wie bin ich zu Danzig gekommen...
Seit meiner Kindheit sammle ich Münzen. Meine erste "Münze" war eine Goldmedaille auf den Tod John F. Kennedys. Dann habe ich im Österreich-Urlaub mit meinen Eltern jedes Jahr 25 und 50 Schilling-Stücke gesammelt. Damals die hochaktuellen PP-Ausführungen...

Vor einigen Jahren im reiferen Alter habe ich wieder begonnen. Hauptsächlich wie in meinem zweiten gestrigen Thema angerissen als Werterhalt und Inflationssicherung.
So habe ich Gold und Silbermünzen über Jahre zum jeweiligen Metallpreis, knapp darüber, auch oft knapp darunter gekauft. Ohne MwSt. (beim Silber), ohne Prägekosten, ohne "Sammlerwert". Das geht!!! So habe ich einige 100 Finnische 10 Markaa 1967 erworben. 900er Silber, 21,375g Feingewicht. Und schön obend'rein! Aber das ist hier egal.

Aber es hat meine wieder aufgeflammte Sammlerleidenschaft nicht befriedigt. So wollte ich ein sehr begrenztes Gebiet sammeln um möglichst Vollständigkeit zu erreichen.
Soweit mein Vorsatz. Ich wollte alle Münzen von 1923 bis 1935 haben, s. Kurt Jäger 1-20.
So "bescheiden" war ich damals. Dann hatte ich fast alle und bekam natürlich auch die anderen zu Gesicht...vom Deutschen Orden angefangen über die polnischen Könige...das Ende kannst Du dir selber ausmalen... :lol: Soviel zu guten Vorsätzen.


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10 Markkaa 1967.jpg
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 Betreff des Beitrags: Re: Freie Stadt Danzig
BeitragVerfasst: 9. Feb 2016, 18:20 
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Doktor

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Vielen Dank fuer den interessanten Abriss der Danziger Geschichte und die Vorstellung der Muenzen. Mir gefallen die Freistaatmuenzen auch sehr gut. Als ich vor ein paar Jahren in Danzig war, ging ich durch die Altstadt und dachte immer dabei an die Gulden aus dem Jaegerkatalog. Die Fische haben mittlerweile ihren Weg zu mir gefunden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Freie Stadt Danzig
BeitragVerfasst: 8. Jul 2016, 17:40 
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Doktor
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Heute möchte ich eine Münze aus einem benachbarten Gebiet Danzig's vorstellen.

Es ist ein Artig (pl. Artiger) aus Reval, heute Tallin, der Hauptstadt Estlands. Der Artig war eine Münze, die von den Bischöfen von Dorpat, den Erzbischöfen von Riga und dem Livländischen Schwertbrüderorden (Zweig des Deutschen Ordens) im 14. und 15. Jahrhundert geprägt wurde.

Av.: MONETA REVALIE
Re.: MAGISTRI LIVONIE


D = 18,5 mm, Gewicht 1,21 g, Feinheit 9 Loth 13,5 grän, 609/1000, Feingewicht 0,737 g.

Der Wert des Artig variierte im Lauf der Zeit:
1 Artig (Ortüg) = 3 Pfennig lübisch (um 1370)

Der Artig ohne Jahr ist unter der Regentschaft des Landmeisters Arnold von Vitinghove († 11. Juli 1364) zwischen 1363 und 1364 geprägt worden.
Er war von 1360 bis 1364 Landmeister des Deutschen Ordens in Livland. Er entstammte dem westfälischen Adelsgeschlecht der Vietinghoffs in der Grafschaft Mark mit Stammhaus Vittinghoff (heute Ruine) bei Essen-Rellinghausen.
Dieser Artig ist die erste von 4 Varianten.

Man erkennt auf der Münze die 3 goldenen Kugeln aus dem Familienwappen der Vittinghoff.
Das Stammwappen der Vittinghoff zeigt drei goldene Kugeln (Münzen) auf schwarzem Schrägrechtsbalken im silbernen Schild, auf dem Helm ein schwarzer Turnierhut mit aufgeschlagener roter Krempe und den drei goldenen Kugeln, darüber ein flüchtiger Fuchs mit einer goldenen Kugel im Fang.

Arnold von Vitinghove zeichnete sich als Gebietiger (Komtur) und Landmeister des Deutschen Ordens wiederholt in den Litauerkriegen des Deutschen Ordens aus.
In den Jahren 1341 bis 1346 wird Vitinghove als Komtur des Deutschen Ordens zu Marienburg in Livland erstmals urkundlich erwähnt. 1348 wurde er Komtur zu Reval. 1360 verlieh ihm das „Landkapitel“ des Livländischen Ordenszweiges die Würde eines Landmeisters, was durch den Hochmeister Winrich von Kniprode bestätigt wurde.
Am 11. Juli 1364 verstarb der Landmeister Arnold von Vitinghove unter ungeklärten Umständen. Sein Nachfolger als Landmeister von Livland wurde Wilhelm von Friemersheim.

Zitat:
Tallinner Artiger wurden folgendermaßen gestaltet: Auf der Vorderseite ist das durch zwei Striche dargestellte Ordenskreuz auf dem Wappenschild und der Text MAGISTRI LIVONIE zu sehen, auf der Rückseite sieht man das Kreuz mit drei Kügelchen in den Winkeln und die Aufschrift MONETA REVALIE. Bis zur Münzreform im Jahr 1422 wurde diese Gestaltung nur geringfügig variiert. Irgendwann wurde dem Ordenswappen ein Ringel hinzugefügt, dann hat man angefangen, das Ordenskreuz durch einen fetten (gefüllten) Strich darzustellen, und zuletzt wurde der Ringel durch den Halbmond ersetzt, der sich zuerst nach rechts, dann nach links öffnete. Dieselben Zeichen – Ringel und Halbmond – finden sich auch unter dem Wappen des Tartuer Bistums (dem gekreuzten Schlüssel und Schwert). Die ersten Artiger aus Tallinn waren etwas leichter (durchschnittlich 1,20 g) als die Örtugen aus Visby, jedoch hatten sie einen etwas höheren Silbergehalt (9 1/2–9 3/4 Lot), wodurch sie etwa den gleichen Wert besaßen. Aus der Silbermark wurden zuerst ca. zwei Mark Münzen geprägt, doch mit der Zeit sanken ihr Silbergehalt sowie ihr Gewicht. Die letzten Artiger erstes Typs enthalten nur 8 Lot bzw. 50 % Silber und wiegen knapp ein Gramm.

Daß das Münzen in Tallinn wieder belebt wurde, ist der Verdienst des Ordensmeisters Arnold von Vytinghove (1359–1364). Dafür investierte er 1363 in die Münze 1.000 Rigische Mark, der Stadtrat gab ebenfalls 1.000 Mark dazu.

Leimus, I. "Lisandeid Tallinna vanemale mündiajaloole. Linna arveraamatute uurimise mõningaid tulemusi./ Vana Tallinn VIII (XII)", Tallinn 1998, 83–95.


Dateianhänge:
Artiger Reval_Var. 1-4.jpg
Artiger Reval_Var. 1-4.jpg [ 117.59 KiB | 1364-mal betrachtet ]
Schilling Reval o.J. 1360-64.jpg
Schilling Reval o.J. 1360-64.jpg [ 121.45 KiB | 1403-mal betrachtet ]
Vittinghoff.jpg
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