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 Betreff des Beitrags: Indien - Rupien der Nawabs von Awadh
BeitragVerfasst: 9. Dez 2014, 18:55 
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Hofrat
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Mit dem Zerfall des Moghulreiches zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte in Indien der Aufstieg der Nawabs begonnen. Das waren Fürsten, denen die Verwaltung der Provinzen des Reiches anvertraut war und die nun - mangels Kontrolle durch die Zentralgewalt - selbständig zu agieren begannen. Zu den ersten gehörte der Nawab von Awadh im Norden des Reichs. Bereits 1737 eröffnete er in Banaras eine eigene Münze unter dem Namen Muhammadabad Banaras und ließ dort mit dem Namen des Moghulherrschers prägen. Etwa zeitgleich erreichte die Britische Ostindien-Kompanie (EIC) den Höhepunkt ihrer Macht. Zu dem florierenden Handel waren Rechte auf Festungsbau, Truppenaushebung und eigene Münzprägung gekommen, mit denen sie die Möglichkeiten rücksichtslos nutzte, um ihren Einflußbereich auszudehnen.

Für Awadh begann der Niedergang in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, als ein Aufstand im benachbarten Bengalen scheiterte und die vereinigten Streitkräfte des Großmoghuls, Bengalens und Awadhs von den Briten in der Schlacht von Boxar (1764) vernichtend geschlagen wurden. Awadh verlor die östliche Hälfte seines Reichs an die EIC und mußte schwere Reparationen zahlen. Auch die Münze in Banaras mußte 1776 (RY 17 s. unten) an die EIC abgetreten werden. Awadh setzte seine Prägetätigkeit u.a. in Lucknow fort, behielt dort jedoch als Bezeichnung der Prägestätte den Namen Muhammadabad Banaras bei. In Banares prägte die EIC unter derselben Bezeichnung. Für das Münzbild übernahm sie einen Prototyp der Awadh-Rupie, den sie durch ihr eigenes Münzzeichen - einen Fisch - abwandelte. Die beiden gleichnamigen Münzstätten prägten weiter im Namen des Großmoghuls Shah Alam II. (AH 1173-1221 / 1759-1806 AD). Die bekannte Banaras-Rupie der EIC zeige ich hier:
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East India Company - Bengal Presidency, AR rupee AH 1191 RY 17. Av. Couplet: Der Verteidiger der Lehre Mohammeds, Shah Alam, kaiserlicher Schatten göttlicher Gunst, setzt sein Siegel auf die sieben Himmelssphären. (AH 1191). Rv. Geprägt in Muhammadabad Banaras im 17. Jahr seiner Herrschaft in friedlichem Wohlstand. 11,51 g, KM#40
Anm. Das 17. Regierungsjahr (1776) kennzeichnet die Übernahme der Münze durch die EIC und wird bei diesem Typ durchgängig geprägt. Das tatsächliche Regierungsjahr des Moghulherrschers wird in den Ausgaben der Folgejahre zusätzlich angegeben.

Der Prototyp aus Awadh AH 1189 RY 16 (1774/75 AD) für diese Prägung - mit gleichem Couplet, jedoch ohne den Fisch - ist hier zu sehen. Im KM ist dieser Typ fälschlich als PAISA (Silver) KM # 36.3 festgehalten und deshalb nicht ohne weiteres zu finden.

Nach den oben geschilderten Anfängen übernahm die EIC in Awadh nach und nach de facto die Regierungsgeschäfte. Dem Nawab wurde ein Resident der EIC an die Seite gestellt, der die Oberaufsicht über das Fürstentum übernahm. Mit der Auflösung der Truppen des Nawab zugunsten einer von Briten geführten Berufsarmee wurde Awadh an der Wende zum 19. Jahrhundert quasi zu einem britischen Schutzstaat, allerdings noch unter nomineller Oberhoheit des Großmoghuls.

Dies änderte sich, als es im Jahr 1818 dem britischen Generalgouverneur (Lord Rawdon Earl of Moira Marquess of Hastings) gelang, den Nawab von britischen Gnaden Ghazi ud din Haidar (1814-1827) zu überreden, sich gänzlich von Delhi zu lösen und den Königs-Titel anzunehmen.

Die Krönung erfolgte nach europäischen Vorstellungen. Krone, Krönungsgewänder und Wappen wurden vom englischen Künstler Robert Home entworfen, dessen Skizzenbuch im Victoria and Albert Museum aufbewahrt wird. Eine Krönungsmedaille wurde geschlagen - ein Brauch, der in Indien eigentlich eher unüblich war. Europäisch orientierte Heraldik wurde auch für das Münzdesign des neuen Königreichs konzipiert. Allerdings wurde das Design von zwei Hindus ausgeführt, die in der Münze von Lakhnau beschäftigt waren, wodurch diese Münzen ihr eigenes Gesicht bekommen haben. Zum besseren Vergleich stelle ich die traditionelle anonyme Version der Awadh-Rupie mit Fisch und Fahne, die noch unter Haidar Ali als Nawab geprägt wurde, neben die Ausgaben nach der Krönung. Alle drei Typen wurden in Lucknow geprägt, unterscheiden sich jedoch durch die Münznamen im Revers.
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Links: Awadh, Ghazi ud din Haidar (as Nawab), Rupee 1232 AH, (frozen) RY 26, 11,08 g, KM#103.2
Mitte: Awadh, Ghazi ud din Haidar (as King), Rupee 1235 AH, RY "Ahad" (= 1), 11,16 g, KM#165.1
Rechts: Awadh, Ghazi ud din Haidar (as King), Rupee 1242 AH, RY 8, 10,97 g, KM#165.2

Der Sohn und Nachfolger des Ghazi ud din Haidar - Nasir ud din Haidar (1827-1837) - behielt das oben gezeigte heraldische Motiv und den dritten Münznamen bei. Eine Abb. erübrigt sich deshalb, und ich reiche eine kurze Beschreibung des Motivs nach. Unter einer Krone ein Katar (Tigermesser), darunter zwei Fische für die Flüsse Ganges und Yamuna, denn Awadh liegt im mittleren Gangestal. Die beiden gegeneinander gestellten Fische gelten außerdem als Glückssymbol und finden sich noch heute z.B. auf Münzen von Bhutan. Als Wappenhalter flankieren zwei Tiger mit Fahnen das Münzbild.

Nasir ud din Haidar zeigte keinerlei Interesse an Regierungsgeschäften, sondern lebte ausschließlich dem eigenen Vergnügen. Als er 1837 ohne Nachkommen verstarb (vermutlich nach einem Giftanschlag), kam es zu Kontroversen um die Nachfolge zwischen der Begum und den Briten, die den Prätendenten ihrer Wahl - Muhammad Ali Shah (1837-1842) - durchsetzten, nachdem sie die Begum einfach inhaftiert hatten.
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Awadh, Muhammad Ali Shah, Rupee 1256 AH RY 4. Av. Nennung des Münzherrn mit dem Titel "Badshah Jahan". Rv. Zwei Höflinge mit ausladender Kopfbedeckung als Wappenhalter halten die Krone mit der einen Hand, Fliegenwedel unter dem anderen Arm, darunter der Fisch von Awadh nach links. Die Umschrift nennt die Prägestätte mit dem neuen Namen "Mulk Awadh Baitu-s-saltanat Lucknow", rechts bei 3 Uhr ist das Regierungsjahr 4 zu lesen. 11,11 g, KM#316.2

Die Regierungszeit von Muhammad Ali Shah war zu kurz, um seine Bemühungen um eine Neuorganisierung der Staatsverwaltung erfolgreich durchzuführen. Er war erst als 63-jähriger auf den Thron gekommen und blieb im wesentlichen als Bauherr großen Stils in Erinnerung. Als Nachfolger wurde sein Sohn Amjad Ali Shah (1842-1847) gekrönt. Dieser hatte zwar eine ausgezeichnete Ausbildung genossen und war tief religiös, doch ging im jegliche Regierungsfähigkeit ab. Die Verwaltungsreform seines Vaters verfiel, und seine Versuche, eine gewisse Ordnung im Staat wiederherzustellen wurden von der EIC unterlaufen, die sich immer mehr in die Staatsgeschäfte einmischte. Nach nur fünfjähriger Regierung verstarb er an Krebs.
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Awadh, Amjad Ali Shah, Rupee 1256 AH RY 4. Av. Name und Titel des Münzherrn. Rv. Zwischen zwei Krummsäbeln die Krone von Awadh unter einem Sonnenschirm, darunter der Fisch von Awadh nach rechts. Umschrift der Münzname (IV. Version) wie bei seinem Vater "Mulk Awadh Baitu-s-saltanat Lucknow", rechts bei 2 Uhr das Regierungsjahr 5. 11,13 g, KM#336.

Auf Amjad Ali Shah folgte sein ältester Sohn Wajid Ali Shah (1847-1856) als letzter Herrscher von Awadh. Als Staatsmann war er völlig ungeeignet. Seine Neigung gehörte dem Theater, und seinen Ruf erwarb er sich als Sponsor von Künstlern, Sängern und Musikern. Daneben unterhielt er u.a. einen umfangreichen Harem, ein Taubenhaus und einen eindrucksvollen Tiergarten. Ferner gab er Unsummen aus für die Erweiterung des Palastes und den zugehörigen Park mit dem Baridari, eine Art Pavillion mit zwölf Toren für die Zirkulation von Frischluft. Diesen Baridari ist besonders zu erwähnen, weil zwei seiner Tore mit geflügelten Frauengestalten verziert sind, die aus den Mäulern zweier Fische emporsteigen und eine Krone halten. Dieses Motiv findet sich auf den Münzen des letzten Herrschers von Awadh wieder.
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Links: Awadh, Wajid Ali Shah, Rupee 1265 AH, RY 3, 11,14 g, KM#365.1
Rechts: Awadh, Wajid Ali Shah, Rupee 1268 AH, RY 5, 11,14 g, KM#365.3

Die Prägestätte ist im Revers unter zwei weiteren neuen Namen aufgeführt. Beide sind in das Bild integriert. Die Regierungsjahre 3 bzw. 5 findet man nah am Rand bei 1 Uhr. Für die allegorische Gestaltung der beiden Frauen, die aus den Fischmäulern steigen, habe ich keine eindeutige Interpretation gefunden. Möglicherweise stehen sie für die beiden Flüsse Ganges und Yamuna als Quelle des Lebens.

Seit dem Vertrag von 1801 hatten die Briten ihren Einfluß in Awadh kontinuierlich ausgebaut. Sie hatten Zugriff auf den Staatsschatz, genehmigten sich günstige Darlehen, und die Führung der Streitkräfte brachte zusätzliche Einkünfte. Zudem diente Awadh als Pufferstaat gegen die Afghanen im Norden. Um die Mitte des Jahrhunderts strebten sie jedoch die direkte Kontrolle an. Die staatsmännische Unfähigkeit der Nawabs und ihre Prunksucht kam ihnen dabei entgegen, und man suchte nur noch nach einem Vorwand für die Annektion. Dieser ergab sich 1856, als es um einen Tempel in Ayodhya (der Hauptstadt des alten Königreichs Kosala, aus dem Awadh hervorgegangen war) zwischen Hindus und Muslimen zum Streit kam, den zu schlichten Wajid Ali Shah nicht fähig war. Die Briten hatten bereits Truppen an den Grenzen von Awadh zusammengezogen. Am 11. Februar 1856 wurde Awadh annektiert, der Nawab abgesetzt und verhaftet und später ins Exil geschickt. Sein Sohn versuchte noch vergeblich in einem Aufstand das Blatt zu wenden, doch bereits im Folgejahr gewannen die Briten die Kontrolle zurück, und das Königreich Awadh verschwand für immer.

Nachtrag: Ich habe versucht, das umfangreiche Material zu diesen Münzen zu raffen, das ich aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen habe, um es in halbwegs lesbarer Form vorzustellen. Wer nicht lesen mag, kann sich immerhin an schönen Münzen freuen.

Gruß klaupo


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BeitragVerfasst: 9. Dez 2014, 21:05 
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Mitglied der geheimen Hofkammer
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Registriert: 3. Apr 2009, 22:20
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Wohnort: Oenipontana
Schöner Beitrag, herzlichen Dank dafür!

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payler
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„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“
Konrad Adenauer


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BeitragVerfasst: 24. Dez 2014, 16:59 
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k&k Hoflieferant, Wirklicher Hofrat
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Beiträge: 2753
Bilder: 281

Wohnort: Nürnberg
klaupo hat geschrieben:
Wer nicht lesen mag, kann sich immerhin an schönen Münzen freuen.
Gruß klaupo


Beides macht Spaß! Ich bin beeindruckt von der Komposition und dem sauberen, schönen Münzbild dieser Stücke!

Vielen Dank fürs Zeigen (und Erklären!)

_________________
Viele Grüße
helcaraxe
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Meine Galerie: Römische Provinzbronzen (ausbaufähig... ;-))


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